Hin und wieder zurück. Die Geschichte einer 13-Stunden-Bahnfahrt.

Vergangenes Wochenende war mal wieder eine mehrstündige Bahnfahrt fällig. Mangels funktionierem Smartphone machte ich mich also mit Buch und Notizblock auf den Weg. Hier ein paar Notizen zu insgesamt 7 und 8 Stunden Bahnfahrt:

“Eigentlich sollte ich ja im ICE durchfahren nach Köln”, sagt die Frau im rosa Pulli. “Aber jetzt fällt der aus und ich muss den Zug nach Köln in Hamburg irgendwie finden. Wenn ich da jetzt über drei oder mehr Gleise muss, dann wird es kriminell. Dann wird es richtig kriminell.”

Alles ganz furchtbar. Unser Zug nach Hamburg ist ausgefallen. Schrecklich. Vor allem für die Frau im rosa Pulli, die – wie sie den Umsitzenden vermutlich auch per Attest beweisen könnte – höchstens 10 Kilo tragen kann. Aber höchstens. In einem durch sollte sie eigentlich nach Köln fahren, da würde sie abgeholt und hätte keinen Ärger mit ihrem Gepäck. (Das ich im Übrigen auf maximal sieben Kilo schätzte, wenn sie nicht Backsteine dabei hatte.) Aber wenn sie jetzt in Hamburg umsteigen müsse, das sei ein echtes Problem. Kriminell geradezu. Sie habe sowas ähnliches schon mal gehabt. Damals habe sie zwei Stunden lang vor Münster mitten auf dem Gleis gestanden. Weil irgendwo eine Bombe entschärft werden müsse. Abgesehen davon, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, trägt sie die Geschichte so vor, dass man den Eindruck bekommen könnte, sie habe ohne Zug mutterseelenallein zwei Stunden im Gleiskörper verbracht. Im Regen.

Die Frau im rosa Pulli verkörpert alle Urängste, die Bahnreisende so befallen können.  Zugausfall, das Gefühl mangelhaft informiert zu werden wie es weiter geht, Gepäck, Ortsunkenntnis und allerlei andere Unbill. Das eigentliche Problem manifestiert sich kurze Zeit später in Person des Schaffners. Der “junge Mann” ist kaum älter, vermutlich aber jünger als sie und soll sie gefälligst zu ihrem Zug begleiten. Pünktlich, wenn’s beliebt, denn schließlich ist das – wie der Laie, er zum Beispiel, vermuten könnte – nicht etwa sein eigenes Problem, sondern das der Frau im rosa Pulli! Königin Kunde höchstpersönlich. Und so geriert sie sich auch.

Ich kann nicht verstehen, warum Menschen wie sie nicht einfach entspannter mit den Dingen umgehen, die sie nicht beeinflussen können.

IHREN Zug muss sie erreichen, davon hängt offenbar der Fortbestand der zivilisierten Welt ab. Zumindet ein Zug, der bis Köln durch fährt, denn umsteigen ist nicht nochmal drin mit Königin Kunde. Dabei könnte alles so einfach sein. Sie müsste doch nur entspannt und aufmerk gucken was passiert und gelassen darauf reagieren.  Stattdessen soll sich nun jemand kümmern, müsste ihr Gepäck und – gemessen an ihrem dramatisch-klagenden Vortrag des Problems – am Besten auch gleich sie selbst tragen.

Etwa mehr Gemütsruhe wäre was. Generell im Leben, vor allem aber im Zug. Das – so finde ich – sollte man von einem zivilisierten Menschen auf Bahnreise durchaus verlangen können. Etwas mehr Gemütsruhe. Entspannung. Weniger Panik im Blick und mehr Vertrauen auf die alte Weisheit “Am Ende wird alles gut. Und wenn nicht alles gut wird, dann ist das nicht das Ende.” Aber nicht mit der Frau im rosa Pulli. Sie betet ebenso hemmungs- wie erbarmungslos ähnlich gelagerte Horrorgeschichten herunter, wegen der sie eigentlich schon damals geschworen hatte, niemals wieder Bahn fahren zu wollen. Einmal, in Dortmund war das, habe sie nur vier Minuten gehabt, um zwischen drei Gleisen zu wechseln. In Dortmund! In der Rush Hour! Wie die Bahn das bloß immer so schlecht organsieren könne?

Eine junge Frau hält die Horro-Stories der Dame im rosa Pulli nicht mehr aus. In Stuttgart, sagt sie, habe ihre Mutter es auch in wenigen Minuten geschafft, über drei Gleise zu wechseln. Mit Gepäck und zwei kleinen Kindern, das sei gut zu schaffen. Sie sei ja in Dortmund gewesen und nicht in Stuttgart. Das könne man also gar nicht vergleichen, sagt die Frau im rosa Pulli. Sie habe ihr ja nur die Angst vor dem Gleiswechsel nehmen wollen, antwortet die jüngere und bittet um Verzeihung. Die Antwort der Frau im rosa Pulli ist freundlich, aber Mimik und Subtext sagen deutlich, dass dieser Backfisch sich gefälligst nicht anmaßen soll, ihr Ratschläge zu geben.

Der Frau im rosa Pulli geht es eigentlich gar nicht darum, den Zug zu erwischen, das wird jetzt auch dem letzten klar.  Denn dafür hat sie ja, Schaffners Anruf sei Dank, nun tatsächlich Personal. Nein, hier geht es um die Verteidigung ihrer Position als ungerecht vom Leben, der Bahn, ihrem eigenen Gepäck, der Bahn und dem Schaffner behandelte, ach was rede ich, gebeutelte Frau. Im rosa Pulli. Furchtbar. Ganz furchtbar.

Lies weiter auf Seite 2.

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