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Schlagwort: Mitmenschen-TV

Leute, die ich nicht fotografiert habe (22)

Ein Blechschild mit einem durchgestrichenen Fotoapparat und der Aufschrift 'Fotografieren verboten'
Fotografieren verboten (© J. Halstein, CC BY-NC-SA 2.0)

Kürzlich auf der Hunderunde durch die Nachbarschaft bemerkte ich, dass jemand hinter mir ging. Die Person hatte offenbar keinen Hund dabei, denn ihre Schritte klangen zielstrebig, zügig. Sowas kennen Hundebesitzer eigentlich nicht, denn ihre vierbeinigen Begleiter bleiben gern unverhofft stehen, weil an einer Hausecke, einem Grasbüschel, einem Schild irgendwas sagt “27 neue Nachrichten!”. Weniger Meter später blieb Frau Hund auch konsequent schnüffelnd stehen und ich ging direkt einen Schritt zur Seite, um der Dame hinter mir Platz zu machen. Dass es eine Dame war, die da hinter mir ging, hatte ich mehr gehört, als gesehen: Ich war auf Frau Hund konzentriert und die Dame trug hochhackige Schuhe.

Nun war sie also an mir vorbei, grußlos, wir befinden uns immerhin in der Stadt. Ich sah sie nur von hinten. Schlank, geschmackvoll gekleidet mit einem Mittelding aus Jacke und Mantel, das mit dem Saum ihres kurzen Rocks abschloss. Also ganz offensichtlich ein mit sehr viel Bedacht ausgewähltes Outfit, das die Dame dort trug. Farblich passte ihre Handtasche sehr genau zu dem Outfit, auch wenn sie ein wenig zu groß war. Die Tasche sagte ganz klar: “Hier ist Alltag, ich gehe nicht aus, sondern meinem Tagesgeschäft nach.” Dieser Eindruck wurde sehr deutlich unterstrichen von dem Plastikteil eines Klopömpels, das oben aus der Tasche ragte.

 

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Hochgucken: Die Kehrseite

Herr Buddenbohm guckt im öffentlichen Personennahverkehr gerne mal hoch. Beim Hochgucken kommt es darauf an, den Blick vom Smartphone zu heben, sich gleichsam zu öffnen für den Mikrokosmos ÖPNV, der sich hinter dem Display und den Kopfhörern verbirgt; jenen Blick danach über die Mitreisenden schweifen zu lassen und zu gucken, wie diese Menschen so sind. Denn wenn man genau hinsieht und aufpasst wie ein Lachs, sich auf ein oder zwei von denen konzentriert, dann fällt einem dieses abstoßend Lästige, das Bräsige kaum noch auf, das unbekannte Menschen häufig ausstrahlen. Ich vermeide das gern, denn ich möchte mich von meiner dumpfen, brütenden Misanthropie nur ungern ablenken lassen. Heute jedoch habe ich im Regionalexpress kurz vor Gießen durch Zufall hochgeguckt und hatte sofort so einen inspirierenden Moment, ich musste sofort an das Buddenbohm’sche Hochgucken denken.

Ich sitze auf einem dieser Notsitze nahe der Tür, da wo man sein Fahrrad anbinden kann, wenn man eines dabei hat. Mir gegenüber sitzt der Prototyp eines alten Mannes: Ihr Würde ergraut, faltiges Gesicht, Altersflecken auf den Händen, passend zur beigefarbenen Hose trägt er eine beigefarbene Weste über einem gestreiften Hemd. Zwischen den Füßen steht einen Baumwolltragetasche, die aussieht, als sei sie mehrfach gewaschen und danach sorgfältig gebügelt worden. Was drin ist, kann ich nicht sehen, aber es scheint wichtig zu sein, denn die Träger der Tasche hält er mit den im Schoß gefalteten Händen fest, damit sie nicht umfällt. Hinter dem, was früher einmal “Kassengestell” hieß, schauen zwei braune Augen versonnen auf den Hintern der Schaffnerin, die bei einem kurzen Halt zwischen uns hindurch hastet, damit sie auf dem Bahnsteig tun kann, was Schaffner dort tun.

Eine junge Muslima kommt dazu, sehr schlank, bodenlanger grauer Mantel und ein sehr großes Kopftuch. Sie fragt, ob bei dem Alten noch ein Platz frei ist. Er nickt, sie setzt sich und beschäftigt sich mit ihrem Smartphone. Obwohl zwischen den beiden ein Sitz ungenutzt hochgeklappt bleibt, scheint ihm die Situation unangenehm zu sein: Er guckt starr geradeaus und sitzt gerader, angespannter als vorher. Sie bemerkt ihn nicht, tippt lange auf ihrem Smartphone und lächelt die Art Lächeln, das man nur sehr lieben Menschen schenkt. Das Lächeln, das man nur beim Hochgucken sehen kann, wenn alle anderen im Zug ihre Scheuklappen auspacken und sich unbeobachtet fühlen.

Sie tippt und lächelt noch bis zum nächsten Halt, Gießen, wo wir alle aussteigen müssen. Als sie ihr Smartphone einsteckt erlischt auch das Lächeln und macht Platz für etwas anderes, maskenartiges. Sie ist wieder in diesem “Draußen”, da wird weniger gelächelt.

Während ich darüber noch nachsinne, sehe ich den Alten von vorhin wieder. Er trifft auf dem Bahnsteig einen Freund und sie begrüßen sich mit einer herzlichen Distanziertheit, falls das ein Wort ist. Sein Freund trägt zu seinem gestreiften Hemd eine kurze Kunstlederhose, die hinten schon so ein bisschen in die Kimme gerutscht ist, und mir wird klar, dass Scheuklappen nicht immer schlecht sind und dass hochgucken nicht immer erstrebenswert ist.

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JSFP006: Orrr, Menschen!

Wir waren unterwegs: Erst im Multimar Wattforum in Tönning und anschließend auf einmal Teil einer Fremdehundesuchaktion auf dem Deich von Warwerort. Das war aufregend! Vorher allerdings hatte ich die ersten beiden Misanthropieschübe des Tages schon nach sechs Minuten auf dem Hof einer Tankstelle. Noch weiter vorher habe ich merkwürdigen Unsinn geträumt und jetzt wo die Episode fertig ist, führe ich den immer gleichen Dialog mit meiner Dusche, bevor ich mit dem im Hintergrund herumtapsenden Hund raus muss. Es ist kompliziert.

 

Dauer: 0:24:32

 Hier erstmal die versprochenen Bilder aus Tönning:

Shownotes:

 

Das Kleingedruckte:

Diese Episode vom Jörn Schaars feiner Podcast wurde am 02.03.2016 aufgenommen. Veröffentlicht am 02.03.2014 von Jörn Schaar unter Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International License-Lizenz. Intro und Outro habe ich aus dem Song "Jenny's Theme" von Jason Shaw zusammengeklöppelt, der das "No Fees. No ©opyright Hassles. Incredibly Free." anbietet. Mit "Partnerlink" gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links zu Amazon. Für jeden Einkauf über so einen Link erhalte ich eine kleine Provision, Du zahlst deswegen nicht mehr.

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Leute, die ich nicht fotografiert habe (21)

Ein Blechschild mit einem durchgestrichenen Fotoapparat und der Aufschrift 'Fotografieren verboten'
Fotografieren verboten (© J. Halstein, CC BY-NC-SA 2.0)

Den jugendlichen Hiphop-Hipster, dessen Hose einerseits ungewöhnlich eng saß, andererseits jedoch beeindruckend weit in den Kniekehlen hing. Das allein wäre noch kein Grund für einen Blogeintrag gewesen. Als ich jedoch gerade zu einem gedanklichen Rant ansetzen wollte über diese in meinen Augen wirklich saudämliche Art sich zu kleiden, bemerkte ich etwas, das den Spießerarsch in meinem Kopf verstummen ließ: Aus der Gesäßtasche dieses Typen ragte ein Buch heraus, das nicht so recht zum Gesamtbild des Jungen passen wollte: Hermann Hesses “Der Steppenwolf”.

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Der epischste Tweet-Battle des Jahres hat zwischen @Marvel und @StarWars stattgefunden

TwitterIch hatte gestern Abend zu viel zu tun, als dass ich die Unterhaltung zwischen dem offiziellen Star Wars-Twitteraccount und seinem Marvel-Pendant entsprechend hätte würdigen können. Aber es war episch und sehr unterhaltsam. Wer auch immer in den beiden Läden twittert, die hatten ganz offensichtlich mindestens genau so viel Spaß daran, wie ihr Publikum. Die Star Wars-Leute hatten gestern Abend mit dem Hashtag #AskStarWars dazu aufgerufen, clevere Fragen zu stellen, die mit den Filmen zu tun haben. Da gab es ein paar ganz nette Fragen und teils witzige Antworten, aber den Vogel hat Marvel abgeschossen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich ziehe meinen Hut, das war großes Kino.

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